Heute war es mal richtig anregend im Chaosdorf. Es ist nach dem üblichen Plauschen und Hacken unter den verbliebenen älteren zu einer regen Diskussion um das Urheberrecht gekommen. Einer der Diskutanten (x) dem man eine emotionale Berührtheit nicht ganz absprechen konnte, vertrat den Standpunkt, dass ein Buch in seiner Machart
einen urheberischen Aspekt hat, der vor der wahllosen und abwertenden Digitalisierungswut einen zu beschützenden Wert hat, der nur durch den Urheber eingeschätzt und daher seiner Verfügungsgewalt zu unterstellen ist. Es ist schwer nach so einer Diskussion den Tenor einer Gegenposition wirklich so zu erfassen ohne seine eigene Wertung bereits in die Beschreibung einfließen zu lassen. Ich werde mich daher bemühen die Aspekte seiner Vorstellungen, soweit ich sie richtig verstanden habe noch etwas heraus zu arbeiten. Insbesondere war seine Beispieldarstellung auf die Erstellung von Bildbänden folkussiert. Bei der Erstellung der Bilder und der Komposition in einem Bildband haben sowohl die Assoziationen , Fähigkeiten und Erfahrungen des Fotografen als auch die Wahl des Einbandes, der Schriften, des Papiers, die Anordnung der Bilder, die Größe des Papiers usw. einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Gesamtwerk, das durch den Digitalisierungsvorgang verfälscht bzw. aus der Sicht des Urhebers als entwertenden Vorgang wahrgenommen werden kann. Bzw. wenn ich X Vorstellung genau folge, dann ist es eine unweigerliche Kulturelle Verwahrlosung und Entleibung des Ursprünglichen Schaffensgegenstandes. Ein weiteres Beispiel das angeführt wurde, ist der kreative Prozess bei der Erstellung einer Skulptur durch den Bildhauer. Die Darstellung z.B. des Gegenstandes oder eben einer Person an sich wird duch die Materialbearbeitung und die künstlerisch freie Interpretation des Gesehenen in Kombination mit den Fähigkeiten des Kunstschaffenden zu einem Unikat. Mit der Digitalisierung und dem Plot in modernen oder eher zukünftigen 3D Druckern wird die Skulptur ihres Künstlerischen Wertes beraubt. In der Summe wird dem Werthaften, Handwerklichen, kreativem Schaffen ein digitales Kondom über-gezogen, dass den digitalen Inhalt des Werkes dem Massencloning übergibt. Auch wenn sich X nicht dazu hinreißen lies ein klares Recht des Urhebers auf Verneinung solchen 'Missbrauchs' einzufordern, lies sich doch die entsprechnede Überzeugung aus dem Gesagten heraus verstehen.
In der übrigen Runde bemühte man sich emsig X Position herauszuarbeiten, und die Gegenläufigen Argumente seiner Prüfung zu unterbreiten. Dazu gab es z.B. das Argument der Behinderung des Fortschritts, da jeglicher Fortschritt immer auf den Werken der Vorgänger aufbaut und dies nur mit der rechtlichen Möglichkeit dazu funktioniert. Hier war X von der Bedeutung dieses Prozesses für den kulturellen Fortschritts überzeugt, wies aber gleichzeitig darauf hin, dass die reine Digitalisierung diesem Anspruch nicht gerecht würde. Ein JPG eines Remmbrand ist noch lange kein Remmbrand. Ein weiterer Aspekt der zur Betrachtung vorgetragen wurde, war die Umkehrung des Vorgangs, in dem z.B. der durch die GPL geschützte Sourcecode in einem Buch abgedruckt wird. Ist die Veröffentlichung des Sourcecodes innerhalb seines Mediums auch durch die GPL betroffen? Dies war eindeutig allgemein mit zustimmendem Nicken versehen ein interessanter Gedanke.Weiter wurde auf die schwer zu ziehende Linie zwischen allgemeinen Interessen und den Interessen des einzelnen verwiesen, die in diesem Zusammenhang eine wichtige rolle spielen.
Ich erinnere mich hier gern an meinen Deutschunterricht zurück in dem über die sprachlichen Schnittmengen referiert wurde. Es ist dort wie hier eine individuelle Sprach- und Gefühlsmenge gegeben, die nur in einem Teilbereich eine Schnittmenge ergibt. Auf der Sprachlichen ebene kann man jedoch den Wortschatz beiderseits erweitern und damit die Schnittmenge vergrößern. Bei den Emotionen und Wertvorstellungen ist das bei weitem nicht so einfach. In der Runde wurde hier z.B. auf die Kollage verschiedener Werke von Meistern zurück gegriffen, die keinesfalls an den Originalen praktiziert werden sollten. Dazu müssten diese Kopien aber erst einmal existieren um überhaupt den Gedanken bzw. den Versuch einer Kollage zu unternehmen. Es wurden noch diverse andere Punkte Sei es z.B. die Entstehung der Evolutionstheorie die auf vielem aufbaute, was nicht von Darwin war oder Siegmund Freuds Werk, dass zu einem sehr großen Teil auf der Wiedergabe der abendlichen Diskussionsrunden seiner Psychoanalytischen Gesellschaft herrührt.
Ich will hier abschließend noch einig Bilder, die mich bei diesem Thema Prägen aus Büchern Zitieren, die einem Verständnis des Themas helfen und der Lösung näher bringen kann.
„ Drei wichtige Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang. Erstens: Wenn der Willensentschluss gar nicht die gewollte Handlung auslöst, warum gibt es ihn dann? Zweitens: Wenn es keine Willensfreiheit im traditionellen Sinne gibt, müssen wir den Begriff der Willensfreiheit ganz aufgeben? Und drittens: Was bedeutet dies alles für die Begriffe >>Schuld<< und >>Verantwortung<<? Heißt das dann – wie manche Kritiker es an die Wand malen -, dass >> jeder machen kann, was er will?<<. Wäre dies wirklich das Ende jeglicher Rechtsordnung? … Psychologen haben kürzlich festgestellt, dass das Gefühl, etwas gewollt zu haben, auch damit zusammenhängt, dass das Gehirn vor einer Bewegung ein Erwarungsmodell der sensomotorischen Rückmeldungen (siehe Kapitel 2) entwirft und dann mit den tatsächlichen Rückmeldungen vergleicht. Sind die Abweichungen gering, so stellt die Großhirnrinde fest: Das war ich!“
(Gerhard Roth 'Aus sicht des Gehirns' 2009 )
„Die Frage nach Willensfreiheit und Verantwortung gehören nicht nur zu den ältesten philosophischen Problemen, sondern auch zu denen, die bis heute am lebhaftesten diskutiert werden.“ … (Willensfreiheit und rechtliche Ordnung )
„Im Leben wie in der Kunst sind uns für das, was wir tun, von den verschiedensten Seiten her Grenzen gesetzt: von der Natur und ihren Gesetzen, von unseren Sinnen wie von ihren Objekten, von den Mitmenschen und Ihren Forderungen; von den Umständen unserer historischen Epoche, von unseren persönlichen Voraussetzungen und von der eigenen Lebenszeit. Künstlerisches Schaffen versucht, sich über den gewöhnlichen Verhaltensweisen nicht nur eine Störung, sondern zugleich ein Gewinn erkennbar wird.
Die produktive Überwindung gesetzter Grenzen geschieht in allen Künsten auf allen Ebenen und mit ganz unterschiedlicher Allgemeinheit.“ … „Und fast immer steht das Opern-Textbuch schon innerliterarisch im Dialog mit früherer Literatur, schließt intertextuell an dichterische Vorlagen an. In der Geschichte der Gattungen stellt es eher eine Ausnahme dar, dass ein Libretto ganz neu erfunden und unmittelbar für die Oper geschrieben wird.“ (Harald Fricke 'Gesetz und Freiheit Eine Philophie der Kunst')
oder biblisch: „Wenn du geschlagen wurdest dann halt auch die andere Wange hin“
In der Summe war es eine gelungene Disskussionsrunde und da ich so etwas liebe, war der Abend einer von denen, an die man sich gerne erinnert. Ich hoffe, dass wir an dem oder anderen Themen noch öffters ins gespräch kommen.
| < Zurück | Weiter > |
|---|






